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Zeitzeugin Sibilla Thomas und Enkel Daniel

Zeitzeugenberichte: Werte. Wandel. Wachstum.

Mehr als 80 Jahre Wohnen in der Nettergasse – zu Besuch bei Zeitzeugin Sibilla Thomas

Dormagen | Bärbel Wegner | 02.10.2026

1935 als Kleinkind mit den Eltern eingezogen, hat unsere Zeitzeugin hier den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegsjahre erlebt. Zum Zeitpunkt des Interviews 2020 wohnte Sibilla Thomas noch immer in ihrer Wohnung in der Nettergasse – zusammen mit Enkel Daniel, der sie im Haushalt unterstützt.

 

Lesedauer: ca. 5 Minuten

 

„Seit 1935 lebe ich hier.“ Sibilla Thomas überblickt als Zeitzeugin viele Jahre in ihrer Heimatstadt Dormagen. Sie erzählt von den Eltern: Der Vater, Jahrgang 1881, hatte Schuhmacher gelernt und war später Polizist in Dormagen, zuständig für die Ortsteile Hackenbroich und Delhoven. Die Mutter, Jahrgang 1886, war Hutmacherin. Beide hatten den Ersten Weltkrieg miterlebt; sie lernten sich im Lazarett kennen. Doch über diese Zeit habe man in der Familie nicht gesprochen, sagt Sibilla Thomas nachdenklich, als wir sie 2020 in ihrer Wohnung besuchen.

 

Die Seniorin hatte fünf Geschwister und erinnert sich gern an ihre Kindheit. „Wir Kinder tobten viel draußen und auf den Straßen herum, es fuhren ja noch keine Autos.“ Doch auch in diese schöne Kinderwelt brach ein Krieg ein. Die beiden Brüder wurden zum Militär eingezogen, die Restfamilie blieb in der rund 76 Quadratmeter großen Wohnung. Anfangs wurde diese, zeitweise nur in der Küche, noch mit Kohle und Briketts geheizt. Die Kinder hatten wie derzeit in vielen Familien die Aufgabe, Kohlen aus dem Keller zu holen und den Nachschub zu besorgen – in ihrem Fall beim Kohlenhändler Richards, erinnert sich die Seniorin. Dort, wo heute der Netto-Supermarkt sei. „Den Bollerwagen habe ich mit meiner Schwester gezogen.“ Anschließend wurden die Briketts sorgfältig gestapelt. Das habe ihr Spaß gemacht.

 

Sibilla Thomas Jugendfoto
Ein Jugendfoto von Sibilla Thomas erinnert an ihre frühen Jahre in Dormagen. Seit 1935 lebte sie mit ihrer Familie in der Nettergasse und erlebte dort ihre Kindheit, die Kriegsjahre und den Wandel der folgenden Jahrzehnte. © Steven Haberland

 

Nach dem Tod des Vaters lebte Sibilla Thomas weiterhin bei der Mutter. Als diese sehr krank wurde, pflegte ihre Tochter sie. Die junge Sibilla war nach der Schule Verkäuferin geworden und anfangs im Lebensmittelgeschäft Cordes tätig. Dort lernte sie auch ihren Ehemann Arwed kennen, der hier regelmäßig zum Einkaufen kam. 1958 heirateten die beiden.

 

Arwed Thomas kam aus Schlesien und hatte nach seiner Flucht Arbeit beim Bayer-Unternehmen gefunden. Er war „in der Cuprama“, wo unter anderem Seidenstrümpfe hergestellt wurden, beschäftigt. Mit der Entwicklung des Produkts Cuprama 1934 wurden die begehrten Seidenstrümpfe für die breite Bevölkerung erschwinglich.

 

Die jungen Eheleute fuhren häufig zum Dom nach Köln; man bummelte durch die großen Parks oder ging ins Kino. Bald zog der Ehemann, der als Bayer-Mitarbeiter Mitglied der heutigen Baugenossenschaft Dormagen war, in die Familienwohnung ein. Die Nutzungsrechte wurden auf ihn übertragen, nach seinem Tod auf die Ehefrau.

 

Die heutige große Rasenfläche am Haus wird von der Genossenschaft gepflegt und wurde zuvor lange als Gemüsegarten genutzt. Die Familie war Selbstversorger und Sibilla Thomas hatte wie ihre Eltern noch viele Jahre im Garten Gemüse angebaut. Ob Salat, Tomaten, Bohnen, Pfirsiche, Äpfel oder Birnen: „Es war alles im Garten vorhanden. Das kaufte man nicht in einem Geschäft.“ Stattdessen wurde viel eingekocht, beispielsweise das Sauerkraut selbst gemacht.

 

In unmittelbarer Nähe des Gartens befindet sich noch ein Bunker; die Seniorin erinnert sich: „Wenn in den Kriegsjahren Alarm ertönte, wussten wir, was zu tun war und begaben uns zum Bunker. Als Kinder haben wir das aber nicht als so bedrohlich empfunden.“

 

Sibilla Thomas
Im Gespräch im Jahr 2020 erzählte Sibilla Thomas mit vielen anschaulichen Details aus ihrem Leben: vom Kohlenholen mit dem Bollerwagen über ihre Arbeit in der Bäckerei Baum bis zu den ersten Urlaubsreisen im VW Käfer. © Steven Haberland

 

Sibilla Thomas war nicht Mitglied beim BDM („Bund Deutscher Mädel“), der Jugendorganisation im nationalsozialistischen Deutschland. Und sie erinnert sich, anders als viele andere, auch daran, dass Juden im Stadtteil lebten und diese deportiert wurden. Die Polizei habe die Transporte begleiten müssen, unter anderem nach Mönchengladbach, da sei eine Sammelstelle gewesen. Die Metzgerei Dahl zum Beispiel hätte jüdische Inhaber gehabt. Auch an andere Geschäfte, die von Juden betrieben worden wären, erinnert sie sich. Doch sie sei zu jung gewesen, um das Geschehen einordnen zu können.

 

An die Zeit nach dem Krieg gibt es andere Erinnerungen. Der Wohlstand wuchs; Reisen und die Anschaffung eines Autos wurden möglich. Das erste war ein grauer VW-Käfer, dann folgte ein Opel Kadett. Viele Reisen habe man ab 1956 jedes Jahr per Auto unternommen, etwa nach Österreich, Frankreich, Italien. „Ich bin 20 Jahre lang gern Auto gefahren“, berichtet die Seniorin und schmunzelt: „In den Urlauben hatten wir immer gutes Wetter.“ Die Familie vergrößerte sich: 1960 wurde die Tochter Ira geboren, die in Düsseldorf lebt.

 

Ihr Mann sei leidenschaftlicher Fotograf gewesen, die Bilder füllen ganze Alben. Ein liebevoll gerahmtes Foto im Raum zeigt ihn selbst, an einem Tisch sitzend, lesend.

 

Sibilla Thomas erinnert sich heute noch gern an die letzten Jahre ihrer Berufstätigkeit. Anfangs hatte sie stundenweise, später ganztags in der Bäckerei Baum gearbeitet. Das war in den 70er-Jahren eine von zwei sehr bekannten Bäckereien im Stadtteil. Die Brötchen hätten anfangs 35 Pfennig gekostet, fällt ihr ein. Die Straße habe oft herrlich nach Brot gerochen, denn die Backstube befand sich ebenfalls in der Nettergasse. „Und wenn ich heute über die Straße gehe, werde ich immer noch von vielen gegrüßt.“

 

Interview und Text: Bärbel Wegner, die Textpertin, Hamburg

 

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© Beitragsbilder, Titelbild und Vorschaubild: Steven Haberland

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