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Von Dormagen hatten sie vorher noch nie gehört. Dann fand Harry Fercho, gelernter Bergmann und Gesenkschmied, dort Arbeit bei der Erdölchemie GmbH (EC) und eine Wohnung bei der Baugenossenschaft Dormagen. Ehefrau Maria Luise folgte ihm mit Tochter Petra. Seit mehr als 50 Jahren leben die beiden in der Buchenstraße, die Tochter inzwischen in Neuss. Ein Zeitzeugenbericht des Ehepaars.
Lesedauer: ca. 4 Minuten
Geschichten vom Einzug in die Buchenstraße, von Bayers Schwimmbad und einem sprechenden Vogel namens Hansi
„Ich habe früher gern geboxt. Bestimmt 50 Boxkämpfe habe ich mitgemacht.“ Harry Fercho lacht. Wir sitzen im Wohnzimmer von Harry und Maria Luise Fercho in der Buchenstraße. Seit September 1968 wohnen die beiden hier, sie haben lange bei EC und bei Bayer gearbeitet und blicken mit uns auf ihr Leben zurück. Harry Fercho ist in Pommern geboren, lernte in Wattenscheid erst Bergmann, später Gesenkschmied und übte diesen Beruf 18 Jahre lang aus. Maria Luise Fercho war in Wattenscheid als Bäckereiverkäuferin tätig. Als das Zechensterben im Ruhrgebiet seinen Lauf nahm, bot Dormagen 1968 neue Chancen, es arbeiteten auch bereits einige Bekannte dort. „Vorher hatten wir von der Stadt noch nie etwas gehört“, erzählt Harry Fercho. Er bewarb sich bei der EC und bestand die Aufnahmeprüfung. Drei Monate wohnte er im sogenannten Ledigenheim in der Nähe des Schwimmbads und pendelte zu Frau und Tochter mit der Bahn. Die warteten am jeweiligen Wochenende immer schon auf dem Bahnsteig. „Ich habe anfangs immer drei Wochen am Stück gearbeitet, jeden Tag zwölf Stunden, anschließend hatte ich eine Woche frei.“ Das waren noch Zeiten, solche Schichten gebe es heute nicht mehr.

Viel Grün und Nachbarschaftlichkeit in der Siedlung der Baugenossenschaft Dormagen
Nach drei Monaten war Schluss damit, die Familie zog in eine soeben fertiggestellte Neubauwohnung der Baugenossenschaft Dormagen. Das Haus in der Buchenstraße war noch nicht bewohnt: „Wir hatten freie Auswahl bei den Wohnungen“, erinnert sich Harry Fercho. Es habe auch keine Wohnungsbesichtigung gegeben: Die Türen standen offen, die Bauarbeiter waren noch im Haus. „Und wenn man aus dem Fenster geschaut hat, sah man bis zur Autobahn nur Felder! Hier standen nur drei Häuser.“ Auch die Buchenstraße war noch nicht fertig; erst nach und nach entstand die Siedlung. Tochter Petra freute sich: Sie war zwölf Jahre alt und konnte mit den Nachbarskindern draußen auf den Wiesen, die das Wohnviertel umgaben, spielen. Mit den Nachbarn gab es keine Probleme, viele hatten einen ähnlichen Hintergrund, kamen ebenfalls aus dem Ruhrgebiet und arbeiteten bei Bayer. Heute wohnen keine der damaligen Nachbarn mehr im Haus, doch Ferchos haben guten Kontakt zur Familie direkt nebenan.

Schwimmen im Bayerbad in Dormagen
Maria Luise Fercho hat anfangs mit Putzen Geld verdient, bevor sie bei Bayer Arbeit fand. Dort hat sie im Labor Fasern auf Reißfestigkeit getestet: „Das war saubere Arbeit, ich hatte immer einen weißen Kittel an.“ Womit sich die Ferchos außerhalb der Arbeit beschäftigt hätten? Sie liebte es zu schwimmen, war schon in Wattenscheid Mitglied im Schwimmverein. In Dormagen ging sie häufig in das Bayerbad, das 1992 zur Römer-Therme umgebaut wurde. „Wer bei Bayer arbeitete, konnte das Schwimmbad umsonst nutzen“, erzählt sie. Harry Fercho liebt die Fotografie. Angefangen hat er noch mit einer analogen Spiegelreflexkamera, ist inzwischen aber digital unterwegs. Er habe gern im Urlaub und dann hauptsächlich Landschaften fotografiert. Sie seien viel gereist, häufig an die Ostsee oder die Mosel. „Anfangs reichte das Geld natürlich nicht für einen Urlaub. Wir sind oft an den Rhein gegangen oder durch die Düsseldorfer Altstadt gebummelt.“ Auch Köln war häufiges Ziel: „Für zwei D-Mark kam man mit dem Zug hin und zurück.“ In Dormagen seien sie gern in den Knechtstedener Hof zum Essen gegangen – und nach wie vor gern in den Tierpark Tannenbusch.

Viele Erinnerung an die schönen Zeiten
Und dann gab es früher noch den Wellensittich Hansi, der sprechen konnte. Der Käfig stand in der Küche und plötzlich ertönte: „Die Kinder auf dem Hof sind alle doof“ oder „Darfst du das?“ Die Ferchos amüsieren sich darüber noch heute bei der Erinnerung daran.
Sie hätten schöne Zeiten erlebt. Maria Luise Fercho sagt nachdenklich: „Wenn man es sich wünschen könnte, möchte man manche Zeit länger erleben. Und manche langsamer.“

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