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Helbüchelstraße 2-4

Titelthema: Demografischer Wandel

Leben und arbeiten in Dormagen in den „Goldenen Zwanzigern“

Dormagen | 26.03.2026

Die vormals dörfliche Struktur Dormagens war dem starken Zuzug von Arbeitskräften in den 1920er Jahren kaum gewachsen. Es herrschte Wohnungsnot. Die oftmals mehrköpfigen Familien wohnten in kleinen Mehrfamilienhäusern. Meist hatten die Werkswohnungen der IG Farben nur 2-3 Zimmer zur Verfügung, kein eigenes Badezimmer und eine gemeinschaftliche Toilette auf dem Hof oder im Treppenhaus. Dafür gab es häufig einen kleinen Garten zur Eigennutzung und Selbstversorgung.

 

Lesedauer: ca. 4 Minuten

 

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Die Glocken der Pfarrkirche St. Michael läuteten den Feierabend ein. Es war 18.00 Uhr, als die Frühlingssonne allmählich über dem Stadtwald Tannenbusch unterging. Anton Gilles, den seine Freunde gerne „Tünn“ nannten, kehrte ein wenig erschöpft und hungrig mit dem Fahrrad von der Arbeit zurück. Ein langer Arbeitstag lag hinter ihm. Schon morgens um 6.00 Uhr musste er als Schichtarbeiter das Haus verlassen. Ein Jahr zuvor hatte er nach Gründung der IG Farben dort einen Arbeitsplatz in der Chemieindustrie gefunden und mit Frau und Kindern eine Werkswohnung in Dormagen in der Kölner Straße bezogen. Wie viele Familien, die im Zuge der Industrialisierung hierher zogen, lebte auch Familie Gilles auf sehr engem Raum. Die vormals dörfliche Struktur des Ortes war dem starken Zuzug von Arbeitskräften kaum gewachsen. Es herrschte Wohnungsnot. Die zumeist mehrköpfigen Familien wohnten in kleinen Mehrfamilienhäusern. Meist hatten die Werkswohnungen nur 2-3 Zimmer zur Verfügung, kein eigenes Badezimmer und eine gemeinschaftliche Toilette auf dem Hof oder im Treppenhaus. Dafür gab es häufig einen kleinen Garten zur Eigennutzung und Selbstversorgung.

 

Schillsche Offiziere II 1927
Schillsche Offiziere II beim Umzug im Jahr 1927: Während zahlreiche Zuschauer den Straßenzug säumen, marschieren vorne junge Nachwuchsteilnehmer, gefolgt von erwachsenen Schützen in den typischen Uniformen der Schillschen Offiziere. © Archiv Rhein-Kreis Neuss, Sign. 01-06-1041

 

In den Dormagener Familien herrschte noch die traditionelle Rollenverteilung

Lisbeth Gilles stand schon seit einer Stunde in der Küche am Kohleherd und war damit beschäftigt, für den Ehegatten und die Kinder das Abendessen zu bereiten. Als Hausfrau hatte sie ebenfalls einen arbeitsintensiven Tag hinter sich. Mehrfach hatte sie Wassereimer für Bad und Küche die Treppen hinauftragen müssen. Denn das Haus hatte noch kein fließendes Wasser. Auch musste der Kohle-Nachschub für den Ofen und den Kochherd aus dem Keller herangeschafft werden. Zentralheizungen waren zu dieser Zeit noch Zukunftsmusik. Außerdem waren die Kinder morgens für die Schule mit einem Pausenbrot zu versorgen und brauchten nach Schulschluss ein Mittagessen. Zwischendurch ging Lisbeth einkaufen und putzte die Wohnung. Damals war die traditionelle Rollenverteilung in der Familie tatsächlich noch sehr lebendig. Der Mann verdiente das Geld in der Fabrik, als Handwerker oder als Arbeiter in der Landwirtschaft, die damals in der Region Dormagen noch eine wichtige Rolle spielte. Die Frau war für die Hausarbeit und die Betreuung der Kinder zuständig – eine mühselige Tätigkeit, denn die meisten Arbeiten mussten noch ohne elektrische Haushaltsgeräte mit der Hand erledigt werden. Technische Errungenschaften dieser Zeit wie die ersten Rundfunkgeräte, Telefone oder Grammophone, auf denen Platten aus Schelllack spielten, blieben ohnehin den wohlhabenden Dormagenern vorbehalten.

 

Feste und Vereine besaßen im sozialen Leben eine besondere Bedeutung

Doch war das Leben der einfachen Familien keineswegs eintönig oder trübsinnig. Trotz harter Arbeit wurde gerne und oft mit rheinländischer Fröhlichkeit gefeiert. Anlässe gab es viele: Schützenfeste und Kirmes, Karnevalssitzungen und kirchliche Prozessionen. Begleitet waren diese Freizeitvergnügen mit Blasmusik, Tanzveranstaltungen oder Spielmannszügen. Neben Arbeitsplatz, Familie und Nachbarschaften waren die Vereine auch in Dormagen eine wichtige soziale Plattform und ein Lichtblick im anstrengenden Alltag. Das soziale Leben wurde maßgeblich geprägt von den traditionsreichen Schützenvereinen, wie beispielsweise der St. Hubertus-Schützenbruderschaft Dormagen-Horrem oder dem Bürger-Schützen-Verein Dormagen, Gesangvereinen und Sportvereinen. Orientierung und Halt boten darüber hinaus die katholischen Kirchengemeinden.

 

Tellkompanie und Tambourcorps ca. 1920-1930
Tellkompanie und Tambourcorps in den 1920er- bis 1930er-Jahren: Hubert Schmitz, Peter Auer, Willi Bechlenberg, Theo Köppinger, Hermann Köppinger, Düssel (Vorname nicht bekannt), Robert Stein, Heinrich Bechlenberg, Hubert Blömacher, Willi Malzburg, Georg Dorsch, Hubert Vonden, Johann Stein, Karl Müller, Leo Düssel, Fred Köpping, Johann Bechlenberg und Hubert Schönen. © Archiv Rhein-Kreis Neuss, Sign. 01-06-1050

 

Vor 100 Jahren zog auch der Grenadierzug „Bloomepott“ erstmals durch die Straßen

Anton Gilles war seit kurzem Mitglied im 1867 ins Leben gerufenen Bürger-Schützen-Verein (BSV) und marschierte stolz im gerade frisch gegründeten Grenadierzug „Bloomepott“ mit. Nach dem Ersten Weltkrieg waren die Schützenvereine zeitweilig noch verpönt oder gar verboten, weil die Erinnerung an das Schießen und Töten an den Fronten in Ost und West noch sehr lebendig war. Aber bereits Anfang der 1920er Jahre kam das alte Brauchtum wieder zu Ehren, die verbindende Wirkung der Schützenvereine als wichtige gesellschaftliche Treffpunkte trat mehr und mehr in den Vordergrund. Das Schützenfest in Dormagen im Jahr 1926 war ein wichtiges Ereignis in der Nachkriegszeit. Heinrich Mertens regierte als Schützenkönig zusammen mit Königin Therese den Schützenverein. Schon früh am Morgen wurden die Bürger durch Blasmusik geweckt. Denn die Mitglieder des BSV durften keinesfalls das morgendliche kirchliche Hochamt versäumen. Danach wurde es wieder turbulent. Zur Bestimmung des Schützenkönigs begann das „Hahnenköppen“ (bei dem an den Beinen aufgehängten, geschlachteten Hähnen mit verbundenen Augen mit einem Säbel der Kopf vom Rumpf getrennt wurde) und das „Vogelschießen“, bei dem auf hölzerne Vögel an einer Stange geschossen werden musste. Anschließend fand der festliche Umzug durch den Ort statt. Der Krönungsball am Abend bildete den fröhlichen Abschluss des Schützenfestes.

 

Eine Wohnung der frisch gegründeten BGD brachte eine Verbesserung der Wohnqualität

Auch sonst hatte Familie Gilles allen Grund, guter Dinge zu sein. Denn in Dormagen war Ende 1926 mit dem Ziel, der Wohnungsnot zu begegnen, eine Wohnungsbaugenossenschaft gegründet worden. Sie hatte ambitionierte Ziele und wollte bereits im kommenden Jahr in der Helbüchelstraße erste Mietshäuser mit einem verbesserten Wohnstandard bauen. Sie sollten schon Ende 1927 fertig werden. Anton Gilles hatte kürzlich die Zusage für eine der neuen Wohnungen erhalten, denn er hatte gleich nach Gründung der Genossenschaft den Antrag auf Mitgliedschaft gestellt und seinen Genossenschaftsanteil gezeichnet. Schon bald sollte sich die Wohn- und Lebensqualität der Familie deutlich erhöhen. Die neu errichteten Wohnhäuser boten bessere Wohnbedingungen – zu günstigen Konditionen. Denn die spätere Baugenossenschaft Dormagen hatte sich schon damals getreu dem genossenschaftlichen Prinzip die Bereitstellung eines sicheren, sozialen und dauerhaften Wohnraums auf die Fahnen geschrieben.

 

Helbüchelstraße 2-4
Die Häuser in der Helbüchelstraße (um 1927) boten erstmals verbesserten Wohnraum und markierten einen wichtigen Schritt zur Bekämpfung der Wohnungsnot in Dormagen. © Baugenossenschaft Dormagen eG

 

Arbeitsplätze bei der IG Farben boten den Arbeitern eine gewisse Stabilität

Die Beschleunigung des Wohnungsbaus in Dormagen war in diesen Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs überfällig. Expandierende Unternehmen wie IG Farben lockten Arbeitskräfte aus der gesamten rheinischen Region an. Innerhalb kurzer Zeit wurde aus dem bis dato landwirtschaftlich geprägten Dorf ein aufstrebender Industriestandort mit einem steigenden Bedarf an Wohnraum. Als Teil des Bayer-Konzerns bot die IG Farben vergleichsweise moderne soziale Strukturen im Vergleich zu kleineren Betrieben an, von denen auch Schichtarbeiter wie Anton Gilles profitierten. Dazu gehörten werkseigene Angebote, die die Bindung an den Arbeitgeber stärkten.Trotz der turbulenten wirtschaftlichen Lage der 1920er Jahre war die Anstellung bei einem der großen Chemieunternehmen oft erstrebenswert, da sie eine gewisse wirtschaftliche Stabilität bot. Viele Arbeiter wohnten in der Nähe der Fabrik. Der Konzern förderte daher den Bau von Werkswohnungen, unterstützte den Wohnungsbau in der wachsenden Industriegemeinde Dormagen und gab schließlich auch den Anstoß für die Gründung der BGD im Jahr 1926.

 

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© Beitragsbild 1 und 2 und Vorschaubild: Archiv Rhein-Kreis Neuss – Sign. 01-06-1041 (Beitragsbild 1 und Vorschaubild), Sign. 01-06-1050 (Beitragsbild 2),

© Beitragsbild 3 und Titelbild: Baugenossenschaft Dormagen eG

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