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100 Jahre BGD - Zeit des Nationalsozialismus

1933–1945 NS-Zeit
1933-1945

Die Jahre zwischen 1933 und 1945 waren für die Gemeinnützige Baugenossenschaft Dormagen von politischen Einschnitten und stark eingeschränkten Handlungsspielräumen geprägt. Der Wohnungsbau kam in dieser Zeit weitgehend zum Stillstand. Zugleich musste die Genossenschaft ihr ursprüngliches genossenschaftliches Prinzip zurückstellen, da sich die Bautätigkeit an den wohnungspolitischen Vorgaben des nationalsozialistischen Regimes orientieren musste.

Lesedauer: ca. 3 Minuten

 

Zeit des Nationalsozialismus – Die „Gleichschaltung“ der gemeinschaftlich selbstverwalteten Genossenschaft bedingt Stillstand im Dormagener Mietwohnungsbau

Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler veränderte sich auch für die Genossenschaft in Dormagen die politische und gesellschaftliche Situation von Grund auf. Die Nationalsozialisten begannen sofort damit, eine totalitäre Diktatur zu errichten, indem sie die anderen Parteien entmachteten und politisch Andersdenkende verfolgten. Zuerst richtete sich die Repression hauptsächlich gegen sozialdemokratische sowie kommunistische Parteien, gegen Gewerkschaften und in der Folge auch gegen Genossenschaften, die mit ihrem Prinzip der gemeinschaftlichen Selbstverwaltung dem totalitären Herrschaftsprinzip der NSDAP widersprachen.

 

Mitteilung der Landesverwaltung vom 23. November 1933 bezüglich der Anerkennung der Gemeinnützigkeit der Genossenschaft.

Politische Gleichschaltung der Genossenschaft

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 änderten sich die Rahmenbedingungen auch für die Gemeinnützige Baugenossenschaft Dormagen grundlegend. Genossenschaften passten mit ihrem demokratischen Prinzip nicht in das nationalsozialistische Herrschaftsverständnis. Bereits im Frühjahr 1933 wurden staatliche Vorgaben zur Umstrukturierung erlassen, die unter anderem eine Neubesetzung von Vorstand und Aufsichtsrat nach nationalsozialistischen Maßstäben vorsahen.

Auf der Mitgliederversammlung am 9. Mai 1933 forderte Vorstandsmitglied Edgar Karp die vollständige Neuwahl beider Gremien. Die Wahlen führten dazu, dass der Aufsichtsrat weitgehend bestehen blieb, jedoch gezielt um Vertreter der lokalen NSDAP ergänzt wurde. Die Führung der Genossenschaft setzte sich schließlich aus Vertretern der Gemeinde, der IG Farben und der NSDAP zusammen.

 

Mit Schreiben vom 23. November 1933 teilte die Landesverwaltung mit, dass die Genossenschaft rückwirkend zum Juli 1933 als gemeinnützig anerkannt sei.

 

Auf dieser Postkarte ist unter anderem ein Doppel­haus mit Mietwohnungen der Baugenossenschaft an der Jussen­hovener Straße zu sehen.

Wirtschaftliche Sicherheit trotz politisch belasteter Zeit

Im November 1933 erhielt die Genossenschaft die rückwirkende Anerkennung als gemeinnützig ab Juli desselben Jahres. Damit wurden Steuervergünstigungen und Gebührenerleichterungen dauerhaft bestätigt. Diese Anerkennung sorgte in den politisch instabilen Jahren für wirtschaftliche Kontinuität.

Gleichzeitig griff die nationalsozialistische Politik immer stärker in das gesellschaftliche Leben ein. 1939 änderte die Genossenschaft ihre Satzung und schloss jüdische Menschen von der Mitgliedschaft aus. Diese Entscheidung steht exemplarisch für die vollständige Durchdringung aller Lebensbereiche durch die antisemitische Politik des Regimes. In Dormagen kam es bereits ab 1933 zu Übergriffen, später zu schweren Pogromen sowie zur Deportation der letzten jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner im Jahr 1941.

Wohnungsbau unter nationalsozialistischen Vorgaben

Die Wohnungsbaupolitik des Regimes führte zu einem grundlegenden Kurswechsel. Der soziale Mietwohnungsbau verlor nahezu vollständig seine staatliche Förderung. Stattdessen standen Kleinsiedlungen und Eigenheime im Fokus. Für die Baugenossenschaft Dormagen bedeutete dies einen massiven Einschnitt. Zwischen 1933 und 1937 konnten mangels Fördermitteln keine neuen Mietwohnungen errichtet werden.

 

Im Oktober 1933 besaß sie 96 Wohnungen, deren Anzahl sich bis 1940 auf lediglich 122 erhöhte.

 

Stagnation in kriegsgeprägten Jahren

Zwischen 1933 und 1940 stieg der Wohnungsbestand lediglich von 96 auf 122 Einheiten. Auch die Mitgliederzahlen blieben über Jahre nahezu unverändert. Die finanzielle Lage der Genossenschaft war stabil, bauliche Fortschritte blieben jedoch aus. Die Jahre des Nationalsozialismus waren für die Baugenossenschaft Dormagen geprägt von politischen Vorgaben, die nicht zu ihren genossenschaftlichen Prinzipien passten, eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten und dem weitgehenden Stillstand des Mietwohnungsbaus.

Der Vorstand der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Dormagen von 1933 bis 1945

Im Jahr 1932 kam Johannes Bock in den Vorstand, der zuvor in der Gemeinde Dormagen als Amtsobersekretär tätig war. Er übernahm auch die Geschäftsführung der Genossenschaft und brachte das notwendige Fachwissen in die Verwaltung mit ein. Er sorgte für Stabilität und Kontinuität in der schwierigen Zeit von Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg. Trotz der NS-Gleichschaltungspolitik, von der alle Genossenschaften in Deutschland betroffen waren, gehörte er mit kurzer Unterbrechung weiter dem Vorstand als Vertreter der Gemeinde an. Seine Kollegen in dieser Zeit waren Jakob Keinz als Vertreter der IG Farben und Edgar Karp als Vertreter der NSDAP. In den Nachkriegsjahren übernahm Johannes Bock die Geschäftsleitung und später den Vorstandsvorsitz. Er war in den Jahren des Wiederaufbaus eine treibende Kraft der Baugenossenschaft beim Wohnungsbau. Als Mitglied des Vorstands stellte er u.a. die Weichen für das Großprojekt „Horrem Nord“. Bock blieb bis zu seinem Tod 1969 im Alter von 73 Jahren im Vorstand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Genossenschaft und wirkte während seiner über 40-jährigen Mitgliedschaft viele Jahre in Leitungsgremien mit.

Vereinzelte Bauprojekte während des Krieges

Zwischen 1933 und 1937 konnten mangels Fördermitteln keine neuen Mietwohnungen errichtet werden. Erst 1938 und 1939 entstanden mit Unterstützung externer Kredite insgesamt zwanzig Einfamilienhäuser in Hackenbroich, die später von den Mietern erworben wurden und nicht mehr zum Bestand gehören. Im Sommer 1939 begann zusätzlich der Bau eines Doppelhauses mit sechs Wohnungen an der Jussenhovener Straße. Die Finanzierung erfolgte gemeinsam mit der Reichspost, die Wohnraum für eigene Beschäftigte benötigte. Der Kriegsbeginn verzögerte die Fertigstellung. Dieses Projekt blieb das einzige Mietwohnungsbauvorhaben der Genossenschaft zwischen der Weltwirtschaftskrise und den Wiederaufbaujahren nach 1945.

Josef-Steins-Straße
Jussenhovener Straße
Josef-Steins-Straße
Jussenhovener Straße

Fragen & Antworten

Die Jahre 1933 bis 1945 waren von tiefgreifenden politischen, wirtschaftlichen und strukturellen Veränderungen geprägt. Eine nähere Einordnung dieser Entwicklungen verdeutlicht ihre Auswirkungen auf die Baugenossenschaft Dormagen im historischen Kontext.

Wie wirkte sich die nationalsozialistische Gleichschaltung konkret auf die Baugenossenschaft Dormagen aus?

Die Baugenossenschaft Dormagen wurde wie andere Genossenschaften gezwungen, ihre demokratischen Strukturen anzupassen. Vorstand und Aufsichtsrat wurden 1933 neu formiert und gezielt um Funktionsträger der NSDAP ergänzt. Damit verlor das Prinzip der gemeinschaftlichen Selbstverwaltung zunehmend an Bedeutung, während der politische Machtanspruch des Regimes auch innerhalb der Genossenschaft umgesetzt wurde.

Welche Rolle spielte die Anerkennung der Gemeinnützigkeit im Jahr 1933?

Die rückwirkende Anerkennung als gemeinnützig im November 1933 stellte für die Genossenschaft eine wichtige wirtschaftliche Absicherung dar. Steuerliche und gebührenrechtliche Vergünstigungen blieben damit dauerhaft erhalten. In einer Phase politischer Unsicherheit sorgte dieser Entschluss für Stabilität.

Weshalb errichtete die Genossenschaft erstmals Eigenheime statt Mietwohnungen?

Die Errichtung von Einfamilienhäusern in Hackenbroich ab 1938 war eine direkte Folge der veränderten wohnungspolitischen Rahmenbedingungen. Da Kredite nur für Eigenheime bewilligt wurden, wich die Genossenschaft von ihrem bisherigen Schwerpunkt auf Mietwohnungen ab. Die Häuser konnten später von den Mietern erworben werden und gehören heute nicht mehr zum Bestand.

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