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100 Jahre BGD - Wiederaufbau und Bauboom

1956–1975 Wiederaufbau
1956-1975

Die Jahre zwischen 1956 und 1976 waren für die Baugenossenschaft Dormagen geprägt von starkem Wachstum, Krisenbewältigung und Professionalisierung. Im Zuge der Wirtschaftswunderjahre wandelte sich Dormagen rasant, neue Wohnsiedlungen entstanden, und die Genossenschaft übernahm zentrale Aufgaben bei der Schaffung von Mietwohnungen und Eigenheimen. Trotz personeller und finanzieller Herausforderungen gelang es, den Bestand auszubauen und die Genossenschaft dauerhaft zu stabilisieren.

Lesedauer: ca. 2 Minuten

 

Wiederaufbau und Bauboom – „Die Goldgräberjahre Dormagens“ – aus dem ­ Bauerndorf wird eine „Stadt“

Laut dem langjährigen Journalisten und späteren Chronisten Dormagens Karl-Heinz Engler sind die Jahre zwischen 1960 und 1970, als aus dem Bauerndorf zumindest formalrechtlich eine Stadt wurde, oft als die „Goldgräberjahre Dormagens“ bezeichnet worden. In einem fast schwindelerregenden Tempo wurden Wohnungen gebaut, besonders in dem nordwestlichen Stadtteil Horrem entstanden in kurzer Zeit komplette Wohnsiedlungen für tausende Menschen. Die ersten mehrgeschossigen Häuser wuchsen hoch in den Himmel und veränderten das Aussehen der Stadt nachhaltig. Mitten in diesem rasanten Wandel setzte die Gemeinnützige Baugenossenschaft Dormagen alle ihre Kräfte ein, um die Entwicklungen mitzugestalten und dabei über sich hinauszuwachsen.

 

Vorstand Johannes Bock bei einem Orts­termin Anfang der 1960er Jahre im Freien.

Wirtschaftswunder und rasantes Stadtwachstum

Die 1960er Jahre kennzeichnen in Dormagen eine Phase außergewöhnlicher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen. Innerhalb weniger Jahre wuchs die Bevölkerung von rund 10.000 auf fast 30.000 Menschen, ausgelöst unter anderem durch die starke Expansion des Bayerwerks und die zunehmende Industrialisierung der Stadt. Neue Wohnsiedlungen entstanden insbesondere im nördlichen Stadtteil Horrem, wo erstmals mehrgeschossige Häuser das Stadtbild prägten. Die Baugenossenschaft Dormagen spielte in dieser Zeit eine zentrale Rolle, indem sie den wachsenden Wohnungsbedarf aufgriff und die Entwicklung der Stadt aktiv mitgestaltete.

 

„Als ich bei Bayer kündigte, haben mich alle für verrückt erklärt“, berichtete Laier 2001, als er bereits im Ruhestand war.

 

Protokoll über die Generalversammlung vom 23.04.1976 mit der Abstimmung zur Verschmelzung der Delrather Genossenschaft mit der Baugenossenschaft Dormagen.

Krise, Neuanfang und Professionalisierung

Mit dem zunehmenden Wachstum wuchsen auch die administrativen Herausforderungen. 1955 wurde Willi Wulf zum hauptamtlichen Geschäftsführer gewählt, der den Anforderungen jedoch nicht gewachsen war. Nach seinem Tod 1956 wurde bekannt, dass er mehr als 30.000 DM unterschlagen und dies durch Urkundenfälschung verborgen hatte. Zusätzlich hatte er schon bewilligte Landesmittel für die Neubauten nicht abgerufen. Für die Genossenschaft bedeutete dies eine existenzielle Bedrohung. Die Rettung gelang durch ein Sonderdarlehen des Bayerwerks und die organisatorische Unterstützung von Heinrich Laier, der zunächst treuhänderisch die Leitung übernahm und die Genossenschaft Schritt für Schritt stabilisierte. Rückblickend wird die Krise von 1956 daher als zweiter Neuanfang der Genossenschaft verstanden. Wie der Rheinische Anzeiger im Juni 1990 schrieb, war während Heinrich Laiers Tätigkeit aus einem Unternehmen mit 2 Millionen DM Bilanzsumme im September 1956 „eine blühende und solide Genossenschaft“ mit einer damaligen Bilanzsumme von 63,5 Millionen DM geworden

Neubauprojekte und städtische Entwicklung

Ab Ende der 1950er Jahre startete die Genossenschaft ihre bisher umfangreichsten Bauvorhaben. In Horrem-Nord entstanden zwischen 1960 und 1973 über 900 Wohnungen, darunter mehrgeschossige Wohnhäuser und Hochhäuser, ergänzt durch die Erschließung von Straßen und Kanalisation. Parallel dazu betreute die Genossenschaft rund 1.000 Eigenheime in Dormagen, Hackenbroich, Delhoven und Sinnersdorf. Diese Kombination aus Miet- und Eigenheimprojekten sicherte einerseits dringend benötigten Wohnraum, andererseits ermöglichte sie die Ansammlung von Eigenkapital für weitere Bauvorhaben. In Delrath und Nievenheim setzte der Bauverein Eigenbau ebenfalls auf eine Mischung aus Mietwohnungen und Eigenheimen, die 1976 schließlich in die Baugenossenschaft Dormagen fusionierten. Durch diese Fusion wuchs die Genossenschaft um rund 240 Mitglieder und knapp 20 Objekte mit etwa 80 Wohnungen.

 

„Wer heute eine Fotografie von Horrem von vor 9 Jahren zu Gesicht bekommt, und vergleicht diese mit dem inzwischen von der Genossenschaft errichteten Wohnpark, so bleibt ein ungläubiges Kopfschütteln nicht aus. Es ist, als ob Jahrhunderte dazwischen lägen.“ (BGD, 1967)

 

Stabile Führung und politische Veränderungen

Die intensive Bauphase wurde von einem beständigen Führungsteam getragen. Heinrich Laier, Werner Möckel und Wilhelm Remberg führten die Genossenschaft erfolgreich durch die Wachstumsjahre. Parallel dazu veränderte sich auch die kommunalpolitische Struktur. 1969 erhielten Dormagen, Hackenbroich und Delhoven gemeinsam die Stadtrechte, was die kommunale Struktur stärkte, jedoch keinen direkten Einfluss auf den erweiterten Geschäftsbereich der Genossenschaft hatte. Die Entwicklungen dieser Zeit zeigen deutlich, wie wirtschaftlicher Aufschwung, Wohnraumbedarf und strategische Führung die Baugenossenschaft prägten und sie zu einem stabilen Wohnungsunternehmen machten.

Die Vorstände von 1956–1976

Im Jahr 1932 kam Johannes Bock in den Vorstand, der zuvor in der Gemeinde Dormagen als Amtsobersekretär tätig war. Er übernahm auch die Geschäftsführung der Genossenschaft und brachte das notwendige Fachwissen in die Verwaltung mit ein. Er sorgte für Stabilität und Kontinuität in der schwierigen Zeit von Nationalsozialismus und 2. Weltkrieg. Trotz der NS-Gleichschaltungspolitik, von der alle Genossenschaften in Deutschland betroffen waren, gehörte er mit kurzer Unterbrechung weiter dem Vorstand als Vertreter der Gemeinde an. Seine Kollegen in dieser Zeit waren Jakob Keinz als Vertreter der IG Farben und Edgar Karp als Vertreter der NSDAP. In den Nachkriegsjahren übernahm Johannes Bock die Geschäftsleitung und später den Vorstandsvorsitz. Er war in den Jahren des Wiederaufbaus eine treibende Kraft der Baugenossenschaft beim Wohnungsbau. Als Mitglied des Vorstands stellte er u.a. die Weichen für das Großprojekt „Horrem Nord“. Bock blieb bis zu seinem Tod 1969 im Alter von 73 Jahren im Vorstand. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Genossenschaft und wirkte während seiner über 40-jährigen Mitgliedschaft viele Jahre in Leitungsgremien mit.

In der Chronik zum 75. Jubiläum der BGD im Jahre 2001 wurde Heinrich Laier als „Seele der Genossenschaft“ bezeichnet. Er hatte von 1960 – 1989 fast 30 Jahre lang sein Vorstandsamt inne und war anerkanntermaßen einer der prägendsten Persönlichkeiten in der Genossenschaft. Aufgrund seiner vorangegangenen Tätigkeit bei der Wohnungsbaugenossenschaft Leverkusen, die für den Bayer-Konzern Werkswohnungen baute, verfügte er von Beginn an über die notwendige Erfahrung. Unter seiner Geschäftsführung entwickelte sich die BGD zu einem blühenden und wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen. Für seine langjährigen Verdienste wurde er von der Stadt Dormagen mit der silbernen Ehrennadel ausgezeichnet. Heinrich Laier prägte nicht nur die Genossenschaft, sondern auch die Stadt Dormagen und besonders den Stadtteil Horrem. Zum Abschied aus Altersgründen bei der Mitgliederversammlung im Juni 2002 wurde er nochmals in besonderer Weise geehrt. Der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Schwarze dankte ihm für seine Verdienste in der Genossenschaft, und sein Vorschlag, Heinrich Laier zum Ehrenmitglied auf Lebenszeit zu wählen, wurde von der Versammlung einstimmig bestätigt. Im Februar 2011 verstarb Heinrich Laier im Alter von 89 Jahren.

Werner Möckel wurde im Dezember 1969 in den Vorstand der Baugenossenschaft Dormagen gewählt. Er folgte auf den verstorbenen Johannes Bock und sorgte als Mitglied des Gemeinderats für eine enge Verbindung zwischen kommunaler Verwaltung und Genossenschaft. Im Sommer 1988 übernahm Werner Möckel die Geschäftsführung der Baugenossenschaft. Bis Ende 1992 war er als Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer tätig und begleitete in dieser Zeit grundlegende organisatorische Veränderungen, darunter die Fusion mit der Delrather Genossenschaft. Nach insgesamt 23 Jahren Vorstandstätigkeit legte Werner Möckel im Frühjahr 1992 sein Vorstandsmandat nieder. Seine Amtszeit steht für Kontinuität und für den Übergang zu einer neuen Führungsstruktur.

Bedeutende Bauprojekte in Horrem, Delrath und Nievenheim

Zwischen Ende der 1950er Jahre und 1976 führte die Baugenossenschaft Dormagen ihre bisher größten Bauvorhaben durch. Im neu erschlossenen Stadtteil Horrem-Nord entstanden über 900 Wohnungen, darunter drei-, vier- und fünfgeschossige Häuser sowie mehrere achtgeschossige Hochhäuser. Wichtige Bauabschnitte lagen am Heinrich-Meising-Straße, Rotdornweg, Weißdornweg, Akazienweg, Kastanienweg, Hagedorn, Buchenstraße und Ahornweg. Die Genossenschaft übernahm dabei nicht nur den Wohnungsbau, sondern auch die Erschließung von Straßen und Kanalisation in dem neuen Stadtteil.

 

Wilhelm Remberg (Vorstandsmitglied), Leo Cremers (Aufsichtsrat), Heinrich Laier (Geschäftsführer und Vorstandsmitglied) und Heinrich Kluthausen (Aufsichtsrat) bei einer Versammlung.

 

Parallel dazu betreute die Genossenschaft Mitte der 1950er und Anfang der 1970er Jahre rund 1.000 Eigentumsprojekte in Dormagen und den umliegenden Ortsteilen. In den Ortsteilen Delrath und Nievenheim realisierte der Bauverein Eigenbau Mietwohnungen und Eigenheime: An der Balgheimerstraße, Kurt-Schumacher-Straße, Wilhelm-Zaun-Straße, Gerhart-Hauptmann-Straße und der Platanenstraße entstanden insgesamt 20 Mietshäuser mit 82 Wohnungen sowie zahlreiche Eigenheime. Der Wohnungsbestand der Delrather Genossenschaft Eigenbau ging nach der Fusion mit der Baugenossenschaft Dormagen nahezu vollständig in den neuen Besitz über.

 

Akazienweg 9–21
Am Hagedorn 9–28
Am Hagedorn 9–28
Balgheimerstraße 48 und 50
Balgheimerstraße 136
Balgheimerstraße 138
Haus Ecke Kurt-Schumacher­ Straße und Wilhelm-Zaun Straße_1
Haus Ecke Kurt-Schumacher­ Straße und Wilhelm-Zaun Straße
Neubaugebiet 1961
Neubaugebiet 1962
Neubaugebiet 1967
Akazienweg 9–21
Am Hagedorn 9–28
Am Hagedorn 9–28
Balgheimerstraße 48 und 50
Balgheimerstraße 136
Balgheimerstraße 138
Haus Ecke Kurt-Schumacher­ Straße und Wilhelm-Zaun Straße_1
Haus Ecke Kurt-Schumacher­ Straße und Wilhelm-Zaun Straße
Neubaugebiet 1961
Neubaugebiet 1962
Neubaugebiet 1967

Fragen & Antworten

Die Jahre 1956 bis 1976 waren geprägt von rasantem Bevölkerungswachstum, steigendem Wohnraumbedarf und einem anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung. Für die Baugenossenschaft Dormagen bedeutete dies große Herausforderungen, von der Überwindung einer finanziellen Krise über den Aufbau neuer Strukturen bis hin zur Umsetzung umfangreicher Bauprojekte wie dem Wohnpark Horrem-Nord.

Wie viele Wohnungen hatte die Genossenschaft zu Beginn der Phase 1956?

Zu Beginn des Jahres 1956 verfügte die Baugenossenschaft Dormagen über knapp 100 Mietshäuser mit insgesamt etwa 250 Wohnungen sowie 10 Garagen. Dieser Bestand bildete die Ausgangsbasis für die folgende, stark expandierende Bauphase, in der die Genossenschaft auf die stark wachsende Bevölkerung Dormagens reagieren musste.

Wie viele Wohnungen entstanden im Wohnpark Horrem-Nord zwischen 1960 und 1973?

Zwischen 1960 und 1973 errichtete die Genossenschaft im neuen Stadtteil Horrem-Nord über 900 Wohnungen. Dazu gehörten drei- bis fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser, mehrere achtgeschossige Hochhäuser sowie zusammenhängende Wohnsiedlungen entlang von Straßen wie Heinrich-Meising-Straße, Rotdornweg, Weißdornweg, Akazienweg, Kastanienweg, Hagedorn, Buchenstraße und Ahornweg. Diese Bauprojekte prägten nachhaltig das Stadtbild und ermöglichten bezahlbaren Wohnraum für viele neue Bewohnerinnen und Bewohner Dormagens.

Wann und wie erfolgte die Fusion mit dem Bauverein Eigenbau?

Am 19. Januar 1976 unterzeichneten beide Genossenschaften den Fusionsvertrag. Rund 240 Mitglieder wurden Teil der Baugenossenschaft Dormagen und circa 20 Objekte mit 80 Wohnungen gingen in den Besitz der Dormagener Genossenschaft über. Die Fusion trat am 1. Juli 1976 in Kraft.

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